Wie wir Gefühle wieder liebevoll zulassen lernen
Das eigene Gefühlsleben wieder bewusst zuzulassen und Emotionen liebevoll erlebbar zu machen, ist der Beginn einer tiefen Reise zu sich selbst. Doch viel zu oft ist uns das eigene Innenleben so fremd geworden, dass wir Gefühle im Alltag kaum noch benennen können. Wenn sie uns dann in einem besonderen Moment ganz plötzlich überrollen, stehen wir ihnen hilflos gegenüber, weil uns der Bezug, die Praxis und das feine Gespür für uns selbst fehlen.
Warum fällt uns das eigentlich so schwer?
Wieso haben wir verlernt, die unterschiedlichen Bedeutungen und Wirkungsweisen unserer inneren Regungen zu deuten?
Die gute Nachricht ist: Wir sind diesem Zustand nicht hilflos ausgeliefert.
Durch bewusste Achtsamkeit und Introspektion können wir die Verbindung zu unserer Innenwelt wiederherstellen. Es ist wie die Rückführung einer bekannten Sprache. Ein geschultes emotionales Verständnis führt uns langsam, aber stetig wieder zurück in die eigene Kraft.
Je besser wir unsere Emotionen verstehen, umso größer entwickelt sich auch unser Vertrauen zu uns selbst.
Am Ende dieses Weges steht das wertvollste Ziel überhaupt: wieder ganz bei uns selbst anzukommen und ein authentisches Leben zu führen.
Die Filter unseres Verstandes
Gefühle leiten unser Leben in jede Richtung. Sind sie angenehmer Natur und schenken uns tiefe Glücksgefühle, neigen wir dazu, uns nach ihnen zu sehnen – was im Extremfall sogar ein Suchtverhalten begünstigen und uns emotional aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Sind sie hingegen negativer Natur, setzt reflexartig ein Schutzmechanismus ein: Wir meiden die Konfrontation mit der Angst und unterdrücken das schmerzhafte Gefühl. Es scheint im ersten Moment ja auch so viel einfacher zu sein, dem Unangenehmen aus dem Weg zu gehen.
Doch dieses ständige Blockieren und Ausweichen hat einen hohen Preis. Wenn wir versuchen, den unerwünschten Gefühlen zu entkommen, legen wir unbewusst einen Filter über unser gesamtes Erleben. Dieser Filter unterscheidet jedoch nicht zwischen „gut“ und „schlecht“, sondern er dämpft alles ab. Dadurch werden am Ende auch die positiven, schönen Emotionen blockiert, und ein vollständiges, lebendiges Erfühlen unserer Lebensmomente ist kaum noch möglich.
Mit der Zeit führt diese gezielte Abneigung, sich den eigenen Emotionen hinzugeben, zu einer emotionalen Abstumpfung.
Wir verlieren die Offenheit für das Leben, denn was nicht gefühlt werden will, muss im Verborgenen bleiben.
So entstehen ausgeklügelte Verhaltensmuster und Vermeidungsstrategien, die uns scheinbar schützen, uns in Wahrheit aber isolieren.
Der Spiegel unseres Inneren
Was aber würde passieren, wenn wir tiefer über unsere Emotionen Bescheid wüssten?
Wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen und ihnen sogar mit Dankbarkeit und Liebe entgegentreten könnten?
Sobald wir Gefühlen unsere ungefilterte Aufmerksamkeit und den nötigen Freiraum schenken, beginnen sie zu fließen. Sie vermitteln uns unser innerstes Sein und zeigen unser Selbst in seiner reinsten Form. Dabei ist es völlig gleich, ob sie sich liebevoll, förderlich und inspirierend anfühlen oder uns ängstlich und lähmend erscheinen.
Sie alle erfüllen einen tiefen Zweck: Sie konfrontieren uns mit unseren individuellen Erfahrungen, unseren Träumen, Wünschen, Sechnsüchten, Prägungen und Aufgaben – bis hin zur Aufarbeitung alter, traumatischer Erlebnisse oder karmischer Verbindungen.
Jede Emotion trägt den Ursprung ihrer Entstehung in uns selbst, auch wenn wir das im ersten Moment oft nicht wahrhaben wollen. Unsere Psyche und unser Geist spiegeln sich unentwegt durch körperliche, seelische oder mentale Einflüsse im Außen. Wenn wir das unglaubliche Potenzial aller Emotionen als ausführende Teilbereiche unseres Geistes anerkennen und das Erleben als Chance für inneres Wachstum begreifen, verändert sich auch unsere Beziehung zur Angst.
Wir dürfen sie dann nicht mehr bekämpfen, sondern können sie als Partner und Verbündeten betrachten – wie einen neuen Freund, den wir integrieren, lieben und zu nehmen wissen, während er uns hilft, unsere Erfahrungen ganz zu durchleben.
In diesem Zustand der Offenheit bedeutet emotionales Verständnis weit mehr als nur ein theoretisches Konzept.
„Ein emotionales Verständnis beinhaltet die Fähigkeit,
Gefühle richtig zu erkennen und zu deuten.
Das Erfühlte zu identifizieren und dem Erlebten eine Erfahrung zuzuordnen.“
Wir lernen, unsere Gefühle präzise zu beschreiben und selbst Gefühlskombinationen oder emotionale Verkettungen mutig auf ihren wahren Ursprung zurückzuführen. Statt uns vom Außen triggern zu lassen, fragen wir uns neugierig:
Welches Gefühl ist da gerade in mir?
Kann ich es benennen, und wer oder was war der eigentliche Auslöser?
Ein Schritt in die Freiheit
Dieses Erleben dürfen wir ganz frei von Bewertung oder der Sorge vor Vorwürfen annehmen. Indem wir das Erfahrene mit sanfter Introspektion und liebevoller Neugierde betrachten, nehmen wir der sprichwörtlichen „Angst vor der Angst“ und der Unsicherheit vor dem Unvorhersehbaren ihre Intensität.
Wir schauen achtsam hin, erlauben uns das Durchleben und nehmen der Angst ihre blockierende Kraft.
Die spürbare Energie darf sich dadurch neu ausrichten.
„Was folgt, ist ein tiefes, ehrliches Annehmen des eigenen Gefühls
und der individuellen Botschaft, die es für uns bereithält.“
Selbst eine Emotion, die uns anfangs noch schwer und dicht erschien, wird durch diesen Prozess lichter. Mit jedem weiteren bewussten Durchleben verliert sie das Bedrohliche, wird verständlicher und baut ihre Anspannung ab. Gleichzeitig bringt dieser Weg der Annahme kostbare neue Erkenntnisse, Erinnerungen und verborgene Weisheiten ans Licht.
Diese fühlbaren Erfahrungen helfen uns dabei, alte, einengende Glaubensmuster sanft aufzulösen.
Sie dienen uns bei zukünftigen, ähnlichen Emotionen als stärkende Wegweiser.
Dieser Prozess darf sich so lange wiederholen, bis der eigentliche Ursprung der Emotion vollkommen liebevoll integriert und das zugrundeliegende Thema im Inneren harmonisiert ist. Erst dann kann ein tiefer, dauerhafter innerer Frieden einkehren.
In dem Maße, wie das ursprüngliche Gefühl an Raum verliert, beruhigt sich auch die dazugehörige Gedankenwelt.
Es wird – Schritt für Schritt – immer leiser, freier und friedlicher im Kopf.
Das sanfte Annehmen
Alles, was wir tief in uns wegschließen oder am liebsten ungeschehen machen möchten, bleibt ein Teil von uns. Wenn wir es verdrängen, sammelt es im Stillen eine Kraft, die unsere Sorgen und Ängste immer weiter leise nährt. Tief in uns spüren wir, dass die Wunde noch offen ist, und halten so den Schmerz unbewusst fest.
Doch wir dürfen lernen: Erst wenn wir eine Situation oder ein Gefühl liebevoll annehmen und da sein lassen, kann es sanft heilen und sich integrieren. Was danach kommt, darf sich in aller Ruhe und zur richtigen Zeit zeigen.
Es ist ein wunderschöner Weg, das eigene Herz Schritt für Schritt zu öffnen.
Wenn wir lernen, behutsam hinzuschauen statt wegzusehen und den Gefühlen ihren natürlichen Fluss zu erlauben, begegnen wir uns selbst endlich wieder voller Mitgefühl.
Uns selbst zu verleugnen, führt uns leider oft auf traurige Umwege. Es hilft unserer Seele nicht, die eigene Wahrheit zu verstecken, nur um den Erwartungen anderer gerecht zu werden. Vertrauen wir uns doch stattdessen lieber dem Weg unserer Gefühle an – denn hinter der Angst wartet unsere ganz persönliche, befreiende Wahrheit.
Die Wahrheit Deiner Seele!
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